Sippenhaft oder BGH-Richter sind keine Auswärtsfans

In der letzten Woche hatten wir an dieser Stelle eine Diskussion über das allgemeine Alkoholverbot in Mönchengladbach vor dem Derby. Klar kamen da Argumente wie „Eingriff in die Grundrechte“. Ich äußerte einen Ansatz von Verständnis für die Maßnahme.

Was sind die Vorbedingungen? Nachdem Kölner Ultras eine Fahne der Gladbacher Fraktion gestohlen hatten, eskalierte die Gewalt im Vorfeld der Aufeinandertreffen im letzten Jahr. Von mir aus dürfen sich Hooligans gegenseitig blutig schlagen – nur sollten sie vorher ihre Krankenkassenkarte abgeben. Solange kein Unbeteiligter einbezogen wird, können diese Arschgeigen ihrem „Hobby“ frönen. Aber es eskalierte und Familien mit Kindern waren in der Gefahrenzone.

Diesen Zustand darf man nicht tolerieren. Aber wie soll man ihn verhindern? Mein Argument war, egal welche Maßnahmen man ergreift, irgendjemand ist immer in seinen Grundrechten verletzt. In meinen Augen wirken nur massive Polizeipräsenz und vorbeugende Stadionverbote – für C-Fans und für einen  Teil der B-Fans.

Damit sind wir beim heutigen BGH-Urteil. Nach dem dürfen Vereine sozusagen auf Verdacht Stadionverbote erteilen. Das Fatale ist: Diese gelten nicht nur für den ausführenden Verein, sondern deutschlandweit. Sollte der SC Freiburg mich also verknacken, dann dürfte ich auch nicht mehr in den Nordpark.

Laut SpOn behauptet der betroffene Fan, nicht an gewaltsamen Auseinandersetzungen beteiligt, sondern nur ein unbeteiligter Mitläufer in der Gruppe der Gewalttäter gewesen zu sein. Beweise gegen ihn liegen nicht auf dem Tisch, er wurde zwar von der Polizei in Gewahrsam genommen, aber in der Sache freigesprochen.

Und in diesem Fall wird es problematisch. Darf man einen Fan, der aufgrund des Hörensagens ein potentieller Unruhestifter ist, dauerhaft aussperren?

In diesem Punkt habe ich eine klare Meinung: Das geht gar nicht. Ich habe lange genug Blogs und Foren verfolgt – ohne je selbst davon betroffen gewesen zu sein – um zu wissen, dass die Polizeitaktik vor solchen Spielen Sippenhaft provoziert. Da werden auch mal gerne völlig harmlose Fans mit dem oder sogar ohne den Mob eingekesselt und an der Freizügigkeit gehindert. Der Willkür ist Tür und Tor geöffnet.

Die Krux ist hier die Regelung zum Stadionverbot, dass eben nicht nur Hausrecht der Vereine ist, sondern nationale Wirkung hat. Das Hausrecht muss ich akzeptieren: Wie ich bei meiner Party, hat jeder Verein das Recht, bestimmte Personen nicht reinzulassen. Ein Verbot für einen Spieltag würde die Verhältnismäßigkeit – ob zurecht oder nicht – jedenfalls noch wahren. Dies sollte aber mit Fingerspitzengefühl und vor allem in Kooperation mit dem Fanprojekt stattfinden und nicht par Ordre de Mufti. Dass sich an einen einmaligen auf Verdacht ausgesprochenen Verweis aber eine jahrelange drakonische Sanktion anschließt, das ist unverhältnismäßig.

Die Anti-Fans aber, denen eindeutig ein Vergehen nachgewiesen wurde, sollten sich durchaus ein bis zwei Saisons vor jedem Spiel auf der Polizeistation melden müssen – aber, und das ist viel wichtiger, durch begleitende Maßnahmen in geordnete Bahnen gelenkt werden.

Das ist meine Meinung zu diesem schwierigen Thema: Ohne Pauschalierungen geht es aber nicht und irgendjemanden wird es immer treffen, der es eigentlich nicht verdient hat, um die Sicherheit für alle zu wahren. Aber die Richter am BGH waren wohl sehr selten auf einer Auswärtsfahrt im Sonderzug. Denn wenn sie die Realitäten kennen würden, hätten sie sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt. Wie seht ihr das?

Vor dem Derby: Großräumiges Alkoholverbot in Gladbach

Am Samstag wird das großräumigste Alkoholverbot der Gladbacher Bundesligageschichte gelten.  Die Gründe dafür – unter anderem die Pläne der Ultras und eine Zusammenfassung der Ereignisse beim letzten Aufeinandertreffen –  stehen ausführlich in Amtsblatt.

Für den normalen Fan ärgerlich, aber angesichts der Gefahrenlage nachvollziehbar. Was zuletzt passiert ist, hatte mit gesunder Rivalität nichts mehr zu tun und die Idioten gefährdeten nicht nur sich selbst, sondern auch Unbeteiligte.